Kultur

Sahar El-Qasem, Interkulturelle Trainerin:

Eine Antwort auf die Frage Was ist Kultur?

Ein Orientierungssystem, das bestimmt, wie Menschen miteinander und mit ihrer Umwelt umgehen. Jede Kultur enthält Regeln, die alltägliche Dinge des Lebens betreffen, wie z. B. die Begrüßung, das Zeigen oder Verbergen von Emotionen, körperliche Distanz, aber auch Bereiche wie Nahrung oder Kleidung.

Eine der bekanntesten Definitionen von Kultur stammt von dem Sozialpsychologen Geert Hofstede. Er bezeichnet Kultur als die „Software des Geistes“. Danach ist Kultur eine Programmierung, die jeder Mensch einer Gemeinschaft annimmt und entsprechend umsetzt. Werte werden als normal und verbindlich betrachtet und  beeinflussen das Wahrnehmen, Denken, Bewerten und Handeln der Mitglieder. Dadurch entsteht das Gefühl von Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft.
Diese Zugehörigkeit gibt Sicherheit und Halt. Wird aber die gewohnte Orientierung aufgegeben, kann Unsicherheit entstehen. Selbstverständliches steht in Frage, neue Sichtweisen müssen erst erlernt werden.

Sahar El-Qasem, Interkulturelle Trainerin:

Wenn Menschen ihre Heimat verlassen und in ein neues Land kommen, stehen sie einem anderen Wertesystem gegenüber. Regeln, Gebräuche und fremde Verhaltensweisen müssen zunächst einmal erfasst und verarbeitet werden. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einem Kulturschock.
In der Phase der Eingewöhnung erscheint alles neu und fremd. Selbst alltägliche Dinge wie Einkaufen können ungeahnte Hürden mit sich bringen. Verhaltensmuster müssen sich entwickeln und erprobt werden, wie man sich in bestimmten Situationen verhalten soll. Neben der neuen Sprache gilt es auch die Werte und Regeln der fremden Kultur zu erlernen. Das kann zu Verunsicherung und einem Gefühl der Ohnmacht führen.

Phasen des Kulturschocks

Phase 1:
Die neue Kultur wird neugierig angeschaut, vieles als aufregend und interessant wahrgenommen.

Phase 2:
Erste Verunsicherungen treten auf, der Eindruck „fehl am Platz zu sein“ stellt sich ein.

Phase 3:
Die fremde Kultur wird für das empfundene Unbehagen verantwortlich gemacht, die eigene Kultur verherrlicht.

Phase 4:
Die durch die kulturellen Unterschiede entstandenen Konflikte mit der anderen, fremden Kultur werden als Missverständnisse wahrgenommen.

Phase 5:
Die unterschiedlichen Regeln und Verhaltensweisen werden verstanden, geduldet, erlernt und geschätzt. Kulturelle Kompetenz wird erworben.

Vor allem Menschen mit einem hohen Maß an interkultureller Vorerfahrung erleben den Kontakt zu einer fremden Kultur häufig ganz ohne Anzeichen eines Kulturschocks.

Symptome für einen Kulturschock

  • Gefühl der Hilflosigkeit und Zurückweisung durch andere
  • Starkes Heimweh
  • Körperliche Stressreaktionen
  • Angst und Frustration
  • Einsamkeit

Strategien zur Überwindung eines Kulturschocks

  • Neue Bekanntschaften schließen
  • Neue Dinge (Kleidung, Essen etc.) ausprobieren
  • Gezielt positiv denken
  • Erlebnisse aufschreiben
  • Das Beobachten z. B. der Körpersprache
  • Sprache lernen

Oft haben wir die in unserer Kultur verankerten Werte und Normen so verinnerlicht, dass sie für uns selbstverständlich sind und keiner Erklärung bedürfen. Sie müssen jedoch nicht deckungsgleich sein mit denen anderer Menschen. Beim Kennenlernen erfährt man viel über die jeweilige Gewichtung und kann so auch Verhaltensweisen, die womöglich fremd erscheinen, besser einordnen. Für Menschen mit Fluchterfahrung ist es wichtig zu wissen, welche Werte und Normen sowohl für die private als auch die berufliche Integration (z. B. Pünktlichkeit) eine Rolle spielen. Zu bedenken ist aber immer auch, dass unterschiedliche Auffassungen nicht kulturell bedingt sein müssen, sondern auch individuelle Gründe haben können.

Spezielle Situation: Auszubildende mit Fluchterfahrung
Interkulturell betrachtet, ist es für Ausbilder*innen hilfreich, folgende Punkte besonders im Auge zu behalten:

  • Auszubildende können noch Sprachdefizite haben
  • Potenziale müssen mitunter erst (in der Praxis) entdeckt werden (Orientierungsunsicherheit bedeutet nicht Inkompetenz!)
  • Aufgrund der Zustände im Heimatland und/oder der Flucht kann es Lücken in der Bildungsbiografie geben
  • Die persönliche Lebensgeschichte und -situation können Gründe für ein bestimmtes Verhalten oder Konflikte sein

Mehr dazu
RefugeeGuide ist eine mehrsprachige Orientierungshilfe, die sich speziell an Geflüchtete in der ersten Zeit des Aufenthalts in Deutschland richtet. Hier wird die Perspektive gewechselt, und als „typisch Deutsch“ geltende Verhaltensweisen werden aufgelistet.