#3 Made in Germany: Wie vermittle ich unsere Arbeitswelt?

Strukturen, Regeln und Werte-Orientierungen bestimmen die Arbeitswelt. Manches kann für Auszubildende, die aus einem anderen Kulturkreis stammen, völlig fremd sein, weil das Bildungs- und Ausbildungssystem in ihrer Heimat anders funktioniert. Da ist es ratsam, in der Anfangsphase mit der deutschen Arbeitswelt und den jeweiligen Betriebsstrukturen vertraut zu machen. Als Ausbilder*in legen Sie den Grundstein für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Wenn Auszubildende Sicherheit gewinnen, können sie ihre Potenziale optimal entfalten.

Antworten

Schrittweise in die Arbeitswelt einführen

Für alle Auszubildenden, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, bedeutet der Eintritt ins Arbeitsleben, dass sie Neuland betreten. Zu viele Informationen zu Beginn können verwirrend sein. Besser ist es, in einem stetigen Prozess damit vertraut zu machen, wie die Arbeitswelt funktioniert.
Auszubildende müssen die Arbeitsregeln, die innerhalb eines Betriebs oder Unternehmens für alle Mitarbeiter gelten, kennen. Auch Auszubildende mit Fluchterfahrung erwarten und wollen keine Sonderbehandlung, müssen sich aber zunächst in einem für sie neuen Umfeld zurechtfinden. Als Ausbilder*in begegnen Ihnen unter Umständen kulturell anders geprägte Sichtweisen auf Arbeitsprozesse, die in der deutschen Arbeitswelt als selbstverständlich gelten.

Das duale Ausbildungssystem: Neuland für Auszubildende

Die berufliche Ausbildung ist nicht in allen Ländern gleich geregelt. Und in manchen Ländern ist es gar nicht üblich, dass der Einstieg ins Berufsleben mit einer Ausbildung beginnt. Deshalb kann Auszubildenden mit Fluchterfahrung das deutsche System gänzlich fremd sein.
Am besten klärt man die Azubis über folgende Grundlagen und Aspekte des dualen Systems auf. Sie sollten wissen, dass:

  • man während der Ausbildung noch nicht so viel Geld verdient wie mit einem Job, für den man keine Qualifizierung braucht – doch ein Berufsabschluss eine solide Basis für den weiteren Werdegang bildet und zudem weltweit großes Ansehen genießt.
  • für die meisten Ausbildungsberufe gilt, dass sie nach einem dualen System aufgebaut sind. Das bedeutet, dass die Ausbildung an zwei Orten stattfindet: im Betrieb und in der Berufsschule.
  • die Rahmenbedingungen der Ausbildung (u. a. Rechte und Pflichten von Azubi und Ausbilder*in sowie die Inhalte der Ausbildung) zum einen im Berufsbildungsgesetz (BBiG) und zum anderen in den Ausbildungsverordnungen der jeweiligen Berufe geregelt sind.
  • die duale Ausbildung in der Regel je nach Beruf 2,5 bis 3,5 Jahre dauert. Dabei können die Leistungen während der Ausbildung und der vorhandene Schulabschluss Einfluss auf die Dauer haben und zu einer Verkürzung oder Verlängerung führen.
  • alle Azubis eine Ausbildungsvergütung erhalten und diese von 250 bis 950 Euro pro Monat reichen kann, abhängig von der Branche, dem Beruf und dem Betrieb.
  • in der Regel zur dualen Ausbildung zwei Prüfungen gehören, die bestanden werden müssen: eine Zwischenprüfung, die Aufschluss über den bis dahin erreichten Kenntnisstand der Azubis gibt, und die Abschlussprüfung am Ende der Ausbildung.

Ein wichtiges Dokument: der Ausbildungsvertrag

Der Ausbildungsvertrag ist ein wichtiges Dokument, das nicht alle Azubis mit Fluchterfahrung aus ihrem Heimatland kennen werden. Sie sollten erklären, dass in diesem Vertrag die Rechte und Pflichten sowohl der Azubis als auch des Arbeitgebers festgelegt sind. Anhand dieses Vertrags kann man Regelungen wie zum Beispiel Arbeitszeiten und Ausbildungsinhalte vermitteln.

Werte vermitteln

Werte wie Gründlichkeit und Pünktlichkeit, die als typisch deutsch gelten, haben maßgeblichen Einfluss auf die Arbeitsgestaltung. Azubis muss klar sein: Arbeiten müssen gründlich und präzise erledigt werden, um den jeweils vorgegebenen Qualitätsstandards zu entsprechen. Denn auch auf Qualität wird großer Wert gelegt. Das gilt sowohl für ein Produkt als auch für eine Dienstleistung.
Das Thema Pünktlichkeit muss ebenfalls vermittelt werden, sei es beim Erscheinen zur Arbeit, bei der Einhaltung von Terminen oder der Lieferung von Produkten. In vielen anderen Kulturen herrscht ein anderes Zeitverständnis, längere Wartezeiten zum Beispiel können durchaus üblich sein. Deshalb ist es wichtig zu wissen, dass nicht überall auf der Welt dieselben Regeln gelten wie in Deutschland und Ausbilder*innen diese vermitteln müssen.
Auch mit dem Umweltschutz wird in Deutschland anders umgegangen, das Thema spielt in vielen anderen Ländern eine wesentlich geringere Rolle. Das beginnt bei der Mülltrennung und reicht bis zum Umgang mit Wertstoffen und Schadstoffen, mit denen in manchen Berufen gearbeitet wird. Diesbezügliche Regeln und Vorgaben müssen eingehalten werden, und das müssen Auszubildende wissen.

Positionen und Funktionen erklären

Jeder Mitarbeiter eines Betriebs ist Teil eines Gefüges, das zumeist hierarchisch gegliedert ist. Manche Mitarbeiter können bestimmte Befugnisse und Zuständigkeiten haben. Andere wiederum sollen das ausführen, was ihnen angewiesen wird. Für Auszubildende mit Fluchterfahrung kann dies zunächst verwirrend sein. Deshalb sollten Sie das Hierarchiegefüge – und vor allem die Position der Azubis innerhalb dieses Gefüges – erklären. Damit verbunden sind die Erwartungen an die Azubis: Wessen Weisungen sollen sie folgen, wie viel Eigenverantwortung und Eigeninitiative werden von ihnen erwartet? Und auch: Wer sind ihre Ansprechpersonen für unterschiedliche Belange?

Mit Verhaltensregeln und Umgangsformen im Betrieb vertraut machen

Es gibt Betriebe, in denen sich alle duzen, und andere, in denen Angehörige der Führungsebenen stets gesiezt werden. Oder: In manchen Firmen ist es üblich, dass bestimmte Aufgaben immer von den Auszubildenden erledigt werden. So können in einem Bekleidungsgeschäft die Azubis für die ordentliche Präsentation der Ware verantwortlich sein.
Auch auf informeller Ebene kann es eingeführte Gewohnheiten geben, zum Beispiel, dass man als Team oder Abteilung die Mittagspause gemeinsam verbringt. Für die Auszubildenden bedeutet es einen weiteren Schritt der Integration, wenn sie mit solchen „Interna“ vertraut gemacht werden.

Anregungen

Klare Ansagen sind gut

Viele junge Menschen, die aus anderen Ländern geflohen sind, empfinden das hiesige System als sehr offen in dem Sinne, dass sie nicht einschätzen können, wie sie sich verhalten sollen. Sie fühlen sich überfordert und haben oft den Wunsch, dass man ihnen klar und deutlich sagt, was von ihnen erwartet wird. Das gilt auch für das Berufsleben. Zu viel Eigenverantwortung führt zu Verunsicherung. Ein/e Vorgesetzte/r sollte klare, sachliche Ansagen machen und Aufgaben genau benennen. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass junge Geflüchtete damit viel besser umgehen können.

Ahmet Toprak, Professor für Erziehungswissenschaften

Ziele gemeinsam abstecken

Als Ausbilder*in sind Sie eine Autorität und gehen verantwortungsbewusst damit um, indem sie diese nutzen, um Sicherheit, Orientierung, Stabilität und Klarheit vorzuleben und zu vermitteln. Definieren Sie gemeinsam mit den Auszubildenden die Antwort auf die Frage: Was ist das Ziel? Am Anfang der Ausbildung ist es enorm wichtig, Klarheit darüber zu schaffen.
Im nächsten Schritt lautet die Frage: Wie erreichen wir das Ziel? Der Prozess zur Klärung dieser beiden Fragen ist sehr gut geeignet, um Ihre Position transparent darzustellen. Und klarzumachen, wer welche Verantwortung in welchem Bereich trägt, welchen Spielraum und welche Beteiligungsmöglichkeiten es gibt und wo die Grenzen liegen.

Sahar El-Qasem, Interkulturelle Trainerin

Rechte und Pflichten vermitteln

Das Bildungssystem in Deutschland ist ganz anders als das in meinem Heimatland Bangladesch. Dort gab es nur eine Schule, hier kann man verschiedene Schulen besuchen. Und auch im Arbeitsleben gibt es andere Regeln, Rechte und Pflichten. Ich wusste zum Beispiel am Anfang nicht, dass man sich abmelden muss, wenn man krank ist. Deshalb ist es wichtig, dass Ausbilder*innen neuen Azubis alles erklären, auch solche Dinge, die sie vielleicht für selbstverständlich halten.

Sajid Khan, Auszubildender

Angebote

Beratung zu Ausbildungsmöglichkeiten

Die KAUSA Servicestellen sind regionale Koordinierungs-, Informations- und Beratungsstellen. Sie unterstützen Jugendliche und Eltern mit Migrationshintergrund in Fragen rund um die duale Ausbildung. Auch junge Geflüchtete können sich zu Ausbildungsmöglichkeiten beraten lassen. Zur Projektlandkarte

Duales System verständlich gemacht

Ein Erklärfilm zur dualen Berufsausbildung in mehreren Sprachen.

Datenbank der guten Beispiele

Praxis-Beispiele aus Betrieben, die Geflüchtete beschäftigen: NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge
Das Netzwerk unterstützt Betriebe aller Größen, Branchen und Regionen, die geflüchtete Menschen beschäftigen oder sich ehrenamtlich engagieren wollen. Ausbilder*innen können sich informieren und Erfahrungen austauschen.