#7 Privates im Beruf: Was darf ich fragen?

Ob Kollegen auch über Privates und Persönliches sprechen, hängt zum einen von der Atmosphäre am Arbeitsplatz ab. Pflegen die Mitarbeiter einen offenen, vertrauensvollen Umgang miteinander, kommen sicher auch private Themen zur Sprache. Zum anderen gibt es eine Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben. Wo diese Grenze verläuft, ist nicht nur individuell, sondern auch kulturell bedingt. Was darf ich fragen, wenn ich mit geflüchteten Auszubildenden spreche? Was sollte und muss ich wissen, um die Ausbildung gut zu gestalten? Da kann sich Unsicherheit einstellen, schließlich möchte man nicht aufdringlich sein und den anderen womöglich in Verlegenheit bringen.

Antworten

Die Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben

In manchen Firmen ist es üblich, dass sich die Mitarbeiter viel aus ihrem Privatleben erzählen, in anderen achtet man darauf, dass die Privatsphäre gewahrt bleibt bzw. private Angelegenheiten keinen Eingang ins Berufsleben finden.
Ebenso können kulturelle Unterschiede von Bedeutung sein. Während beispielsweise hierzulande über das Thema Gehalt zumeist nicht gesprochen wird, ist dies in anderen Kulturkreisen völlig selbstverständlich.
Noch wichtiger ist jedoch, dass jeder individuell eine Grenze zieht. Das heißt, jeder hat Themen, über die er am Arbeitsplatz nicht reden möchte.

Die Integration ins Team

Auf Auszubildende mit Fluchterfahrung, die neu in der Firma sind und nun in einer Zweitsprache kommunizieren müssen, kommen viele Eindrücke zu.
Nach der Begrüßung geht es darum, die Azubis möglichst schnell ins Team zu integrieren. Für Geflüchtete kann das auch bedeuten, dass dieses Team der erste feste soziale Rahmen ist, den sie seit dem Verlassen des Heimatlandes erleben! Integration funktioniert nicht zuletzt dadurch, Interesse am anderen zu zeigen und ein Gespür für seine Situation zu entwickeln. Das gilt für beide Seiten, doch sind Sie als Ausbilder*in in der Position des Vermittlers.
Fragen nach Persönlichem sind durchaus gestattet, denn sie zeigen den Azubis, dass man sich für sie interessiert. Sicher wird jeder erzählen, aus welchem Land er stammt und ob er allein oder mit Familie gekommen ist. Und schon in einem frühen Stadium wird man merken, wie groß die Bereitschaft ist, von sich zu erzählen. Dabei gilt es allerdings immer zu beachten, dass die Azubis möglicherweise noch Probleme mit der deutschen Sprache haben und aus Angst, etwas falsch zu sagen, eher knapp antworten.

Der Hintergrund der Auszubildenden

Als Ausbilder*in wird man darüber informiert sein, welchen Aufenthaltsstatus die/der Azubi hat. Denn dieser hat Einfluss auf die Art und mögliche Dauer der Ausbildung. Er kann ein heikles Thema sein, wenn jemand nur geduldet ist und nicht weiß, ob er auf Dauer bleiben kann. Er könnte möglicherweise aus Angst, seinen Aufenthalt zu gefährden, zurückhaltend in seinen Äußerungen sein. Sie als Ausbilder*in sollten auch in dieser Hinsicht immer als Ansprechperson bereitstehen.
Die Frage nach dem Wohnort und den Wohnverhältnissen kann man gut verbinden mit Hilfsangeboten. Das beginnt beim gemeinsamen Weg zur Arbeit und reicht eventuell bis zu dem Angebot, bei der Wohnungssuche zu helfen.
Wenn die Möglichkeit besteht, der/dem Azubi einen anderen Azubi als Paten zur Seite zu stellen, kann sich dieser um ein vertrauensvolles Verhältnis bemühen, in dem auch sensible Themen besprochen werden können.
Als Ausbilder*in können Sie auch das Gespräch zwischen den Auszubildenden im Team fördern. Möglicherweise finden sich schnell Anknüpfungspunkte, zum Beispiel die Begeisterung für Fußball oder Musik.

Anregungen

Ideen für gemeinsame Aktivitäten

Gemeinsame Aktivitäten innerhalb und auch außerhalb des Betriebs stärken das Zugehörigkeitsgefühl, vor allem dann, wenn man neu am Arbeitsplatz ist. Gut zu wissen: In Deutschland gilt es als unhöflich, Einladungen mehrmals nicht anzunehmen. Das ist nicht überall so: Im arabischen Raum kann man bei einer persönlichen Einladung abwarten und sie erst dann annehmen, wenn sie mehrmals ausgesprochen wurde, ohne unhöflich zu wirken.

Was kann man innerhalb des Betriebs machen?

  • Pausen miteinander verbringen, zusammen in die Kantine gehen
  • eine Betriebsfeier organisieren, zu der jeder Speisen aus seinem Heimatland mitbringt
  • gemeinsam Sportangebote nutzen
  • Tippspiele z. B. während der WM
  • eine „Kennenlernwoche“ oder „Kennenlerntage“ für alle neuen Azubis veranstalten. Dabei stehen nicht die Inhalte der Ausbildung im Vordergrund, sondern die Bildung des neuen Teams.
  • den Weg zur und von der Arbeit gemeinsam zurücklegen

Was kann man außerhalb des Betriebs machen?

  • nach der Arbeit etwas trinken oder essen gehen (vielleicht gibt es ja schon einen „Stammtisch“) oder sich zum Fußballspielen verabreden
  • im Sommer gemeinsames Grillen im Park oder Garten und auf diese Weise die Küchen anderer Länder kennenlernen
  • eine Feier veranstalten, die multikulturell ausgerichtet sein kann und zu der auch Familienangehörige und Freunde eingeladen werden
  • einen Ausflug organisieren, bei dem z. B. die Stadt erkundet wird

Integration braucht Zeit

Wenn es um das Thema Integration geht, sollte man immer bedenken, dass dieser Prozess nicht von heute auf morgen geschieht. Dessen müssen sich sowohl die Geflüchteten als auch die Bewohner des Aufnahmelandes bewusst sein. Geflüchtete Menschen bringen ihre eigene Kultur mit und müssen sich hier in eine womöglich gänzlich andere Kultur einfinden, sie müssen eine neue Sprache erlernen, sie müssen neue soziale Kontakte aufbauen. Dies alles braucht seine Zeit. Zudem leben viele in unsicheren Verhältnissen, da sie nur geduldet sind und nicht wissen, ob sie bleiben können. Verständlicherweise erschwert dies die Eingliederung.

Ahmet Toprak, Professor für Erziehungswissenschaften

Fragen sind erlaubt

Ich freue mich, wenn mich jemand etwas fragt, denn das bedeutet, dass sich der andere für mich interessiert. Gerne erzähle ich von meiner Heimat und meiner Kultur. Es gibt aber auch persönliche Dinge, über die ich erst dann sprechen möchte, wenn ich den anderen besser kenne.

Sajid Khan, Auszubildender

Angebote

Fußball verbindet

Willkommen im Fußball – Das Programm richtet sich an Geflüchtete bis 27 Jahre. Vereine der ersten oder zweiten Bundesliga kooperieren mit Kommunen oder Amateurvereinen, um den Zugang zu Sport zu ermöglichen und das gesellschaftliche Miteinander zu fördern.