#8 Religion am Arbeitsplatz: Was ist wichtig zu wissen?

In zahlreichen Betrieben und Unternehmen arbeiten Menschen, die verschiedenen Religionen angehören. Für viele spielt ihr Glaube im Arbeitsleben keine Rolle. Andere möchten aus religiösen Gründen ein bestimmtes Kleidungsstück tragen oder der Gebetspflicht auch während der Arbeitszeit nachkommen. Einerseits gibt es das Recht auf ungestörte Religionsausübung, andererseits arbeitsvertraglich geregelte Pflichten. Doch es gibt pragmatische Lösungen, die sowohl betriebliche Gegebenheiten und Abläufe als auch das Wohl aller Mitarbeiter berücksichtigen.

Antworten

Besteht überhaupt Handlungsbedarf?

Zunächst sollten Sie herausfinden, ob das Thema „Religion am Arbeitsplatz“ überhaupt eine Rolle spielt und wenn ja, in welchem Ausmaß. Es gibt gläubige Muslime, die auf das Beten während der Arbeit verzichten, andere, die sich an einen ruhigen Ort zurückziehen, und wieder andere, die ihren Glauben ganz aus dem beruflichen Umfeld heraushalten. Und: Betriebsabläufe sind unterschiedlich und erlauben mal mehr, mal weniger Raum für die Religionsausübung. Um ein Beispiel zu nennen: Vielleicht ist es möglich, Pausenzeiten, die zum Beten genutzt werden, unter den Kollegen individuell abzusprechen.

Wenn Arbeit und Religion aufeinandertreffen

Im Grundgesetz ist verankert, dass jeder in Deutschland lebende Mensch das Recht auf ungestörte Religionsausübung hat. Zugleich müssen jedoch arbeitsvertragliche Pflichten erfüllt werden. Und: Arbeitnehmer sind vor Diskriminierung wegen ihrer Religionszugehörigkeit und -ausübung geschützt.
Studien haben ergeben, dass die Produktivität steigt, wenn Mitarbeiter geschätzt und respektiert werden, auch im Hinblick auf ihre Religionszugehörigkeit. Ein offener, vorurteilsfreier Umgang mit dem Thema Religion hilft dabei, eventuell vorhandene Vorurteile abzubauen.
Ansätze zur Integration der Religionsausübung am Arbeitsplatz können sehr unterschiedlich sein. Gut möglich, dass Kompromisse geschlossen werden müssen – ganz im Sinne einer pragmatischen Herangehensweise, die allen betrieblichen Erfordernissen und Mitarbeitern gerecht wird. Diese ist erfahrungsgemäß am erfolgreichsten. In den Anregungen finden Sie Ansätze, die von Unternehmen zur Zufriedenheit aller praktiziert werden.

Wo könnte es Konflikte geben?

Das Thema „Religion am Arbeitsplatz“ kann aus verschiedenen Gründen zu Konflikten und Interessenkollisionen führen. Oft fehlt es an Wissen über andere Religionen, deren Ausübung ein fester Bestandteil des alltäglichen Lebens ist. Als Ausbilder*in können Sie bei Vorbehalten vermittelnd auftreten und zum Beispiel einen muslimischen Azubi bitten, von seiner Religion zu erzählen.
Vielleicht besteht auch die Sorge, dass die Gewährung von Ausnahmeregelungen für einzelne Mitarbeiter womöglich zu Unmut in der Belegschaft führt oder andere Kollegen ebenfalls Ansprüche stellen. Deshalb ist es wichtig darauf zu achten, dass Ausnahmen nicht zu einer Ungleichbehandlung der Mitarbeiter führen, sondern immer in einem für alle akzeptablen Rahmen bleiben.

Religion im Alltag

Es gibt Religionen, deren Praktizierung Einfluss auf das Alltags- und damit auch Arbeitsleben haben kann. So verrichten orthodoxe Juden am Sabbat, dem Samstag, keine Arbeit. Und manche Muslime folgen der Pflicht, fünfmal am Tag zu beten, oder legen besonderen Wert auf die Einhaltung des Freitagsgebets.
Wie streng jemand nach den Grundsätzen seines Glaubens lebt und dessen Vorschriften beachtet, kann sehr unterschiedlich sein. Schließlich geht nicht jeder Katholik zur Beichte, und nicht jeder Muslim lehnt das Trinken von Alkohol ab.
Viele berufstätige Muslime finden selbst Wege, ihre Religionsausübung mit der Arbeit zu verbinden. Der Koran gibt keine festen Gebetszeiten vor, sodass man die betrieblichen Pausen für die Verrichtung von Gebeten nutzen kann. Ebenso muss man nicht fünfmal am Tag beten, wenn es die Bedingungen nicht zulassen. Und Fastentage im Ramadan können nachgeholt werden. Dafür können sich zum Beispiel Muslime entscheiden, die Schichtarbeit machen und zum Wohle ihrer Gesundheit nicht auf das Trinken verzichten möchten.

Anregungen

Möglichkeiten der Religionsausübung am Arbeitsplatz

Im Sinne der Gleichbehandlung gelten Maßnahmen zur Vereinbarkeit freier Religionsausübung und den Erfordernissen des Arbeitsablaufs für Angehörige aller Glaubensrichtungen. In der Praxis ist jedoch ein Großteil der Maßnahmen auf den islamischen Glauben ausgerichtet, da der Islam die größte Minderheitenreligion in Deutschland darstellt. Und: Beschäftigte, die dem christlichen Glauben angehören, sind mit der staatlichen Feiertagsregelung und arbeitsfreien Sonntagen ohnehin in der Ausübung ihrer Religion geschützt.

Gestaltung der Arbeitszeiten:

  • Wenn die Verrichtung von Gebeten außerhalb der üblichen Pausenzeiten gewährt wird, gilt es darauf zu achten, dass dadurch nicht die betrieblichen Abläufe gestört werden. Das ist auch im Hinblick auf die anderen Mitarbeiter wichtig, die sich nicht benachteiligt fühlen dürfen. Werden vielleicht Raucherpausen gestattet? Dann dürften auch Gebetspausen möglich sein.
  • Man kann muslimischen Azubis ermöglichen, an ihren religiösen Feiertagen wie zum Beispiel dem Fastenbrechen am Ende des Ramadan freizunehmen.

Gestaltung des Arbeitsplatzes:

  • Abhängig von den betrieblichen Gegebenheiten kann man einen Ruheraum zur Verfügung stellen, in den sich Angehörige verschiedener Religionen zum Gebet oder zur Meditation zurückziehen können.
  • Wenn es eine Kantine gibt, können Speisen angeboten werden, bei denen religiöse Vorschriften berücksichtigt sind (z. B. Gerichte ohne Schweinefleisch, vegetarische Gerichte).

Arbeitskleidung:

  • Ausbilder*innen müssen darauf achten, dass die Bestimmungen zum Arbeitsschutz eingehalten werden. Dazu kann auch das Tragen einer vorgeschriebenen Kleidung gehören. Wenn nun ein/e Azubi aus religiösen Gründen ein bestimmtes Kleidungsstück tragen möchte, gilt es abzuwägen, ob dadurch die Sicherheit gefährdet wird. In vielen Berufen stellt das Tragen beispielsweise eines Kopftuchs kein Problem dar und erfüllt denselben Zweck wie ein Haargummi, mit dem lange Haare zurückgebunden werden.
  • Auch im Falle einer mehr oder weniger strengen Kleiderordnung, die nicht dem Arbeitsschutz dient, sondern dem Erscheinungsbild eines Betriebs oder Unternehmens geschuldet ist, muss man abwägen, ob ein aus religiösen Gründen getragenes Kleidungsstück womöglich betriebliche Abläufe stört oder zu Nachteilen für den Arbeitgeber führt.

Checkliste Religion am Arbeitsplatz

  • mit Auszubildenden sprechen, die bei der Ausübung ihrer Religion am Arbeitsplatz in einen Konflikt geraten
  • alle Mitarbeiter über ihnen möglicherweise unbekannte Glaubenspraktiken informieren bzw. andersgläubige Kollegen bitten, von ihrer Religion zu erzählen
  • im Fall von Diskriminierungen gegenüber Auszubildenden intervenieren, in Schutz nehmen, aufklären
  • pragmatische Lösungen für die Praktizierung der Religion finden, die alle Mitarbeiter akzeptieren können
  • die Kollegen motivieren, selbst aktiv zu werden, indem sie z. B. untereinander Pausenzeiten absprechen
  • Betriebsfeiern können multikulturell gestaltet werden. So kann zum Beispiel jeder ein spezielles Gericht aus seiner Heimat mitbringen.
  • ein interkultureller Kalender informiert über die Feiertage der verschiedenen Religionen und deren Hintergründe (z. B. via Intranet)

Das Statement einer Kopftuchträgerin

Manchmal werden Frauen als unselbstständig betrachtet, weil sie ein Kopftuch tragen. Ich trage mein Kopftuch aus religiösen Gründen und nicht, weil ich unselbstständig bin.

Süheda Köse, Auszubildende

Gute Wünsche sind willkommen

Die Kollegen in unserem Betrieb wünschen uns muslimischen Mitarbeiter*innen am Ende des Ramadan ein „Schönes Zuckerfest“, so wie wir ihnen ein „Schönes Osterfest“ wünschen.

Süheda Köse, Auszubildende

Beten während der Arbeitszeit

Wenn man während der Arbeitszeit beten will, braucht man nicht unbedingt einen eigenen Raum. Es gibt Kollegen, die im Pausenraum oder in der Umkleide beten. Manchen wäre es dort zu unruhig, aber jeder geht damit anders um.

Saidou Diallo, Auszubildender

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