#9 Essen, Trinken, Fasten: Wo lauern kulturelle Fallen?

Essen und Trinken sind „Geschmackssache“ – das gilt sowohl in individueller als auch in kultureller Hinsicht. Jeder Mensch hat Lieblingsspeisen, jeder kann Dinge aufzählen, die ihm überhaupt nicht schmecken. Und es gibt Ess- und Trinkgewohnheiten, die in einer Kultur oder Religion verankert sind. Angehörige des islamischen Glaubens zum Beispiel essen kein Schweinefleisch und trinken oft auch keinen Alkohol. Und viele Muslime halten den Fastenmonat Ramadan ein.
Bestimmte Speisen werden aus gesundheitlichen Gründen, zum Beispiel bei einer Unverträglichkeit, oder wegen der Weltanschauung, etwa bei Veganern, gemieden. Geschmäcker sind verschieden!

Antworten

Woher kommen Essgewohnheiten?

Was in den Ländern der Erde gegessen und getrunken wird, wie Speisen zubereitet werden und mit welchen Bräuchen und Sitten die Nahrungsaufnahme verbunden wird, ist höchst unterschiedlich. Dafür gibt es diverse Gründe:

  • das Vorhandensein von Nahrungsmitteln (abhängig von geografischen und klimatischen Bedingungen)
  • soziale und ökonomische Bedingungen (Wie viel Geld steht für Ernährung zur Verfügung?)
  • religiöse Gebote und Regeln (z. B. Hindus essen kein Rindfleisch, Muslime kein Schweinefleisch)
  • körperliche Bedingungen (z. B. Laktoseintoleranz, von der u. a. 90 Prozent der Chinesen betroffen sind)
  • Gewohnheiten und Rituale (z. B. findet man es in vielen Ländern, wie Italien oder Marokko, ungewöhnlich, allein zu essen)

Wenn Auszubildende andere Ess- und Trinkgewohnheiten haben

Wenn Azubis etwas ablehnen, das ihnen zu essen oder trinken angeboten wird, ist der Grund dafür oftmals religiöse Verbundenheit. Deshalb ist es gut, wenn Sie Folgendes wissen:

Das erlaubte Essen – „halal“ und die Ausnahmen
Auszubildende, die dem islamischen Glauben angehören, richten sich in der Regel nach den Speisevorschriften, die im Koran enthalten sind. Danach sind alle Lebensmittel erlaubt (= halal), doch es gibt einige Ausnahmen. Die wichtigste: Schweinefleisch ist tabu! Damit sind die Currywurst (übrigens die Nummer eins in deutschen Kantinen!) und die Leberwurst-Stulle vom Speiseplan gestrichen. Spuren von Schweinefleisch können sich aber auch in Produkten verstecken, an die man zunächst gar nicht denkt: zum Beispiel Gummibärchen, Kaubonbons, Instantsuppen oder Tiefkühlpizza Margaritha. In welchem Maße sich jemand an die Halal-Vorschriften hält, ist natürlich jedem selbst überlassen. Es geht einzig darum, zu tolerieren und zu respektieren, wenn jemand etwas Angebotenes ablehnt. Schließlich verzichten auch Leute, die eine Diät machen oder eine bestimmte Ernährungsweise praktizieren, auf bestimmte Lebensmittel.

Nach der Arbeit auf ein Bier – No-Go oder nette Geste?
Gemeinsame Unternehmungen am Feierabend stärken das Team-Gefühl. Davon soll sich keiner ausgeschlossen fühlen. Aber: Nicht jeder trinkt Alkohol. Manche lehnen den Konsum aus religiösen Gründen ab. Übrigens: Auch als „alkoholfrei“ gekennzeichnete Getränke können Alkohol enthalten. Und: Es gibt Muslime, die Alkohol trinken!

Der Fastenmonat Ramadan
Viele Angehörige des muslimischen Glaubens folgen auch hierzulande der im Koran vorgeschriebenen Pflicht zu fasten, denn sie ist ein Grundpfeiler ihrer Religion. Im Fastenmonat Ramadan, dem neunten Monat des islamischen Mondkalenders, darf zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang nicht getrunken und gegessen werden. Der Ramadan hat für Muslime eine ebenso große Bedeutung wie das Osterfest und Weihnachten für Christen.

Sollte es Azubis geben, die sich an das Fastengebot halten, ist es sinnvoll, wenn Sie als Ausbilder*in alle Kollegen über den Ramadan informieren und sie auffordern, diesen zu respektieren. Letzteres bedeutet jedoch nicht, dass man in Gegenwart der Fastenden keine Getränke und Speisen zu sich nehmen sollte. Das erwartet kein fastender Muslim. Aber jeder Muslim wird sich freuen, wenn man ihm am Ende des Ramadan ein „Frohes Zuckerfest“ wünscht!

Anregungen

Zum Fasten im Ramadan

Wenn Muslime im Ramadan fasten, bedeutet dies, dass sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts essen und nichts trinken. Bei vielen Nicht-Muslimen stößt insbesondere das Gebot, keine Getränke zu sich zu nehmen, auf Unverständnis. Immer wieder hört man die Bemerkung: „Ich verstehe ja noch, dass du nichts isst, aber man muss doch wenigstens Wasser trinken dürfen!“ Diese Auffassung rührt daher, dass beim Fasten im Christentum jeder selbst bestimmt, worauf er verzichten will. Das christliche Fasten ist eine individuelle Angelegenheit, während im Islam klar definiert ist, worauf die Gläubigen verzichten müssen. Deshalb ist diese Bemerkung gegenüber einem Muslim nicht angebracht, denn sie bedeutet, dass er das Fasten und damit das religiöse Gebot brechen würde.

Ahmet Toprak, Professor für Erziehungswissenschaften

Verstecktes Schweinefleisch

Manchmal bietet mir ein Kollege einen Kaugummi an, aber den lehne ich ab. Denn ich achte darauf, ob in Lebensmitteln Gelatine enthalten ist. Gelatine wird oft aus Schweinefleisch hergestellt, und als Muslim esse ich kein Schweinefleisch. Das erkläre ich dann, denn niemand soll denken, dass ich unhöflich bin.

Saidou Diallo, Auszubildender

Rücksicht gegenüber Fastenden

Wenn wir Muslime im Ramadan fasten, denken manche Kollegen, die nicht fasten, dass sie aus Rücksicht in unserer Gegenwart besser nichts essen und trinken. Aber das ist überhaupt nicht nötig!

Sajid Khan, Auszubildender